Seit Jahren warne ich nicht nur vor Internet-Schnüffeleien, sondern engagiere mich in der Politik gegen den Überwachungswahn und entwickle Technologien zur sicheren Datenkommunikation. Ein kleiner Satz genügt, um die Besserwisser und Schaumschläger in Rage zu bringen: Ich bin Mitgründerin des deutschen Internets.

Wie kann das sein, fragt sich die junge, dynamische Twitter-Gemeinde. Wir haben das Internet doch für uns gepachtet. Wir beanspruchen Alleinvertretungsrecht.  Also wurde die beliebte Shitstorm-Maschine angeworfen. Ganz ohne Fakten und Argumente, dafür aber mit Spott, Unterstellungen und Beleidigungen. Manche machen gar einen auf Gorilla und klopfen sich, mit peinlichen Ergebnissen, auf die behaarte Brust.

huch

Selbst in der Presse outen sich die Halbwissenden und Pseudo-Journalisten: Da werden Fakten verdreht, angebliche Screenshots gepostet, Unwahrheiten verbreitet, Artikel nachträglich (ohne Hinweis) geändert.

Glücklicherweise geben sich einige Medien trotzdem die Mühe,  ein paar Hintergründe zu recherchieren (der Westen, TAZ, siehe unten).

Here I am. Ich habe meine Shitstorms schon gefochten, im Fido- wie im Usenet, als viele meiner neuen ‘Anhänger’ noch in den Windeln’ lagen.  Ich habe Sourcecodes, die sind älter als einige derjenigen, die jetzt lästern.  Lass’ sie meckern, kichern, hämische Kommentare absondern. Mit jedem dämlichen Spruch, jedem manipulierten, absichtlich unrichtigen oder schlecht recherchierten Presseartikel,  qualifizieren sich die Autoren als das was Sie sind:  Dumme Jungs,  die, wie Heckenschützen,  auf ein vermeintlich wehrloses Opfer zielen.

Für die diejenigen. die sich ernsthaft mit mir und meinen Aussagen beschäftigen wollen, hier nun ein paar Hintergrundinformationen:

Zunächst: Das Internet ist nicht nur Twitter oder  WWW.  WWW und Twitter sind nur Teile des Internets, wie auch Skype, Email und viele anderen Protokolle. Ich habe nicht das WWW mitbegründet oder miterfunden. Ich habe, nach meinen Grassroots und vor- WWW Aktivitäten, das neue Web nur konsequent ein- und umgesetzt.

Focus: Germany.net startet als erster Online-Dienst, der ausschließlich auf Internet-Technik setzt.

Aber: Der Reihe nach.

Ich bin seit ca. 1986 in Sachen “Netzwerk” unterwegs, als Anwender, aber hauptsächlich als Entwicklerin. Begonnen hat alles mit einem Sinclair ZX-81 .. den ich als Bausatz in 1982 zusammen bastelte. Danach war es ein Commodore VC-20, dann ein CBM-610, der die erste Mailbox antrieb – natürlich mit selbst entwickelter Software. In 1987 dann ein 286er PC, der unter Desqview bereits zwei Einwahlports und damit auch Chats zwischen zwei verschiedenen Teilnehmern bereitstellen konnte. Schnell wurde daraus ein FidoNet-Server (2:247/14)  mit eigenem “Frontdoor”-kompatiblen System, dann kam die Usenet-Anbindung, ein Datex-P Link, der erste Ping zu prep.ai.mit.edu.

Anfang der 90er gründete ich nicht nur die Free Software Assiociation of Germany und entwickelte verschiedene Freeware-Tools für das Internet (die erste Voice Over IP-Software für Linux/DOS, ein Netzwerk-Sicherheitstool für Linux, einen FTP-Client für Motif … ), sondern verknüpfte, in Partnerschaft mit der Uni Karlsruhe, Firmen und einige Länder mit dem Internet. Dazu wurden zum Teil ISDN Standleitungen, semi-permante Verbindungen und Modem-Strecken aufgebaut.

Und erst dann, Ende 1993, kam das World Wide Web

Und ich hätte fast das Monopol gehabt. Denn eigentlich war WWW nicht viel anders als “Gopher” – allerdings mit Bildern,. Und im universitären Umfeld war man nicht sonderlich beeindruckt oder interessiert. Also machte ich mit der Uni Karlsruhe einen Deal: Alles, was mit WWW zu tun hat, würde exklusiv an mich weitergegeben, dafür würde ich 20% des Gewinns an die Uni Karlsruhe zurückführen. Dieser Vertrag wurde geschlossen (und in 1997 im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung wieder aufgehoben). Allerdings konnte ich den zweiten großen Netzwerk-Anbieter, die Universität Dortmund, nicht von einem gleichartigen Vertrag überzeugen. Also nur ein halbes Monopol. 🙂

800px-Bildschirmtext_Logo.svgMir war klar, dass WWW den Durchbruch bringen würde. Bislang waren nur wenige Leute im Internet aktiv, größere Firmen, Universitäten, Computer-Interessierte hauptsächlich, die sich in Clubs oder Interessenverbänden zusammengeschlossen hatten, um die Kosten für einen Internet-Zugang halbwegs erträglich zu halten. Denn ein Internet-Anschluss war teuer, man konnte nicht einfach zur Telekom gehen (die damals BTX favorisierte).

Ich wollte alle, jeden Bürger, in die spannende neue Welt einführen. Und zwar kostenlos. Dazu musste ich zunächst die gesamte Technologie für einen WWW-basierenden Onlinedienst schreiben, in 1994 gab es weder Apache, noch PHP, Javascript, nicht einmal eine nutzbare Datenbank. Aber Anfang 1995 war soweit alles fertig, einschließlich der Generierung dynamischer Seiten, so dass wir auch (erstmalig) WWW-basierende E-Mail, Chats und andere Dienste abbilden konnte. Die Domain wurde 1994 registriert (vor amazon.com, yahoo.com, aol.com, telekom.com)

germany.net war geboren.gernet

Focus: Lange vor allen anderen überraschte Firmengründerin Michaela Merz deutsche Computerfreaks 1995 mit „germany.net“, einem kostenfreien Zugang ins Netz. Was damals als absolute Ausnahme Furore machte, wird heute zur Regel.

Bis 1999 (zu meinem Ausscheiden aus der Firma) haben ich in der Summe viele hunderttausend Menschen kostenlos in’s Internet gebracht, mit E-Mail versorgt und weitere Entwicklungen gemacht (das erste WWW-Zahlungssystem, das erste WWW-basierende Reisebuchungssystem, Werbe-Unterbrechungen).

Dafür bedankt sich Harald Summa, der Geschäftsführer des Verband der deutschen Internetwirtschaft e.V. (ECO) mit einem Brief: ….  Mit Ihrem einzigartigen Konzept haben Sie zudem einen wichtigen Beitrag zum kommerziellen Einsatz des Internet in der Bundesrepublik geleistet…

So wichtig war germany.net auch wieder nicht … ?

Es gibt zu germany.net viele, viele Informationen. Was viele Leute nicht wissen: germany,net war durchaus erfolgreicher als vergleichbare US-Dienste. Heute kaum vorstellbar. Das Wall-Street-Journal schrieb im März 1997 zu einer Partnerschaft zwischen CompuServe und germany.net: Struggeling to maintain momentum, CompuServe Inc. said it it teaming up with Internet service provider germany.net GmbH, joining the list of major U.S. on-line service providers that have rushed to the arms of European partners. 

Was ist ein Mitgründer?

Aus meiner Sicht jemand, der sich (mit anderen) erfolgreich für eine Sache engagiert und diese zu einem “Ganzen” zusammensetzt. Als ich mit dem Internet startete, hatte keines der ‘großen’ Betriebssysteme, DOS, Windows, oder MacOS, überhaupt die technische  Möglichkeit, eine Internet-Verbindung aufzubauen. Selbst Microsoft wurde von der Entwicklung des Internets völlig überrascht: Windows95 wurde noch ohne Internet-Browser ausgeliefert.  Für mein Engagement wurde ich übrigens in 1998 von Focus-Online in die Liste der “30 wichtigsten Internet-Macher” ausgewählt.

Und gibt es das “deutsche Internet” ?

Aus meiner Sicht: Natürlich. Im deutschen Internet, oder, genauer formuliert, im deutschen Teil des Internets, gelten die deutschen Gesetze, z.B. die Impressumspflicht, die Störerhaftung und (zu) viele andere Regeln.

Man kann sicher über die Formulierung ‘Mitgründerin des deutschen Internets’ diskutieren. Aber dazu muss man schon etwas mehr bieten, als schlechte Recherche und billige Polemik. Ich habe eine Menge Dinge zum Erfolg des Internets in Deutschland beigesteuert. Das soll die Leistungen anderer Aktivisten nicht schmälern. Ich stelle mich nicht über die zahlreichen engagierten Hacker, Geeks und Internet-Unternehmer: Ich stelle mich neben sie.

Gemeinsam haben wir das Internet in Deutschland zu dem gemacht was es heute ist. Im Gegensatz zu Deutschland werden in anderen Ländern die Internet-Pioniere geehrt. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum wir uns heute mit #neuland  beschäftigen müssen.

UPDATE2.DE: Schwarz-Rot-Goldenes Internet – die Idee war revolutionär: Kostenloser Internetzugang für die Massen – und das in einer Zeit, in der sich mancher noch fragte, ob “dieses Internet” nicht bloß eine vorübergehende Mode-Erscheinung sei.

germany.net ist lange Geschichte, aber die Spuren meiner Entwicklungen und Internetaktivitäten sind im Web noch überall deutlich sichtbar.  Von meinen ersten Gehversuchen in der digitalen Welt, über Mailboxsysteme, zahlreiche Free Software Entwicklungen, über Fido- und Usenet zu einem Internet-Onlinedienst, der seiner Zeit weit voraus war und vielen Menschen die Tür in das Internet geöffnet hat bis hin zu meinem neuen Project SECUMUNDO – werde ich mich weiter mit und im Internet engagieren. Und mich nicht von ein paar Spinner beeindrucken lassen.

 

Stern:  Die Frau, die irgendwie ein bisschen das deutsche Internet erfand

NOZ: Politikerin will Internet mitgegründet haben (hier gibt es mehrere unterschiedliche Versionen, natürlich ohne Kennzeichnung aller Änderungen)

Der Westen: AfD-Politikerin Michaela Merz und das “deutsche Internet”

TAZ: „Das Internet ist das Universum“

5 Thoughts on “Als ich neulich das Internet erfunden haben soll.

  1. sehr richtig: michaela merz ist ein internet-pioneer. sie hat es der breiten masse in deutschland möglich gemacht zum ersten mal im internet zu “surfen”. ihr ist es somit zu verdanken das die breite masse der deutschen bevölkerung das internet überhaupt erst kennenlernen konnte.

    bei dem wort “shitstorm” fäll mir immer wieder ein sehr interessanter artikel ein den ich im Telegraph gefunden habe. wenn man dem inhalt glauben schenken darf gibt es politisch motivierte internet-trolle.

    EU to set up euro-election ‘troll patrol’ to tackle Eurosceptic surge.
    http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/eu/9845442/EU-to-set-up-euro-election-troll-patrol-to-tackle-Eurosceptic-surge.html

    es wäre doch duchaus denkbar das die “netten beamten” der politischen EU-polizei zb auch die AFD als legitimes ziel sehen, die haben da ein millionenschweres budget, auch wenn im artikel nur von 2014 die rede ist.

    zitat: “Particular attention needs to be paid to the countries that have experienced a surge in Euroscepticism,” said a confidential document agreed last year ”

    übrigens: das wörtchen “Telekom”, etwas weiter oben im artikel ist nicht ganz richtig. zur zeiten von BTX nannte sich der laden doch noch “Deutsche Bundespost”

  2. Ehre wem Ehre gebührt. Schade, dass man sich immer und immer wieder erklären muss, auch wenn man wie Sie, nicht wirklich Lust dazu hat. Genießen Sie einfach weiterhin die Momente, in denen das WWW mit dem Internet gleichgesetzt wird, neuerdings wird ja sogar Facebook mit dem Internet gleichgesetzt. Ihr Fünfpunkteplan ist übrigens sehr gut, kurz, knapp und nur zu befürworten. Weiter so!

  3. Dietmar Pause on December 4, 2014 at 2:57 pm said:

    Hallo Frau Merz.
    Danke für Ihre große Arbeit. Auch ich war ein Nutzer von germany.net und hatte wenig Ahnung. Aber es war sehr spannend. Ohne diesen Anfang wäre das alles heute noch nicht soweit. Ich wünsche Ihnen weiter viel Erfolg und alles Gute in den Staaten.

    Mit besten Grüßen
    Dietmar Pause

  4. Aus heutiger Sicht betrachtet, war germany.net der erste und einzige Onlinedienst in Deutschland. Das Alleinstellungsmerkmal muesste man vielleicht technisch etwas erklaeren. Der User authentifiziert sich bei der Einwahl seines Computers ueber seinen Telefonanschluss. Die Identitaet wird quasi als Single-Sign-On (SSO) an andere Dienste weitergeleitet, sodass der User zum Schluss in seinem Browser begruesst wird mit “Hallo, Herr Mustermann, Sie haben x neue Nachrichten”. Und das zu einer Zeit, als dynamischer Web-Content weitestgehend unbekannt war, genau wie ein personalisierter Zugang ins WWW. Umgesetzt mit herkoemmlicher Technik, sprich: Desktop-PC mit Linux und etlichen US-Robotics-Modems als Gegenstelle fuer die Modems der User zu Hause. Zusammengeschaltet ueber Standleitungen bis zur Zentrale nach Frankfurt war es sowas wie ein “bundesweites” Intranet. Internetzugang allein wollte germany.net nie anbieten, so wie etwa Nacamar, Xlink, Metronet und wie sie alle hiessen. Obwohl die User nach Nicht-www-Diensten lechzten wie telnet, IRC, Usenet, FTP … wer mag sowas heute noch benutzen? Alles tot, allein das WWW hat das Rennen gemacht.
    Der Erfindung der Adbreaks war jetzt nicht gerade die Sternstunde aus Sicht des Users (er bekam jetzt laufend Werbeseiten eingeblendet), jedoch war das der Anbeginn der Kommerzialisierung des Internets. Und damit des Erfolgs bis zur heutigen Zeit.
    Die Technologie des Onlinedienstes wurde noch umgesetzt bei T-Online (auch mit viel Diskussion spaeter ueber Datenschutz), CompuServe und AOL, wobei ich das Angebot bei AOL zum damaligen Zeitpunkt schon fuer sehr schluessig hielt und es durch die Vermarktung in Deutschland mit Freimonaten und deutscher Benutzerfuehrung sehr viele Kunden gab.
    Aber auch bei germany.net gab es Benutzersoftware auf Diskette und spaeter auf CD, alles zu einer Zeit, als es auf Windows 3.1 keine Programme gab wie Browser oder DFUE-Einwahl.
    Das alles auf die Beine zu stellen, zu planen, zu programmieren, aufzubauen, an den Erfolg zu glauben, ist Pionierleistung. Da brauch man gar nicht weiter zu diskutieren. Wenn man heute auf die meist besuchtesten Websites schaut (http://www.alexa.com/topsites/countries;0/DE), wird man feststellen, dass 20 Jahre danach nichts nachgekommen ist.
    Es gibt in Deutschland ein paar gute Portale wie immobilienscout24.de, chefkoch.de, autoscout24.de (alles Themenportale) und ein paar Newsseiten, aber das wars schon mit Internet “Made in Germany”. T-Online.de wird die Tage an Axel Springer verkauft und somit den anderen Nachrichtenportalen gleichgeschaltet.
    Apropos Pseudo-Journalisten: Ich habe da schon meine eigene Abrechnung gemacht (http://vf.gno.de/30z41u). Ich wuensche mir mal ein Nachrichtenportal ohne copy&paste-Journalismus, Lobbyismus und Meinungsmache. Sowas scheint es wohl noch nicht zu geben.

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