Seit rund zwei Wochen bin ich Mitglied im Bundesvorstand der “Alternative für Deutschland”. Ich habe Einsicht in die internen Vorgänge genommen, kenne jetzt viele der Funktionäre und die Vorstellungen vieler Funktionäre. Stimmt das Bild in der Presse mit dem Zustand der Partei überein?..

Natürlich fragen mich manchmal  Freunde, Verwandte und Bekannte: Wie ist es denn so .. in der AfD? Man liest ja hier und dort, dass es bei Euch irgendwie nicht so funktioniert. Und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, wovon die Leute sprachen. Also habe ich mich in die Arbeit gestürzt, Unterlagen durchsucht, Protokolle gelesen. Ich habe nach den Leuten gesucht, die offensichtlich immer genau dann auftauchen, wenn Journalisten in der Nähe sind.

Ich habe lange, am Telefon, über Facebook, Skype und Twitter mit Bayern gesprochen und getippt, mit NRW-Aktivisten, mit Leuten von der Saar, aus Hamburg, Berlin, Thüringen, Sachsen und Hessen. Ich habe Blogs gelesen, Manuskripte, Wikis und Webseiten.

Hier ist das Ergebnis meiner Recherche:

Ich habe sie nicht gefunden. Die Spinner, die rassistisches Gedöns verbreiten und von Gestapo-Methoden berichten, von Machtkämpfen, Schlammschlachten, oder Sex-Spielereien. Ich habe auch niemanden getroffen, der die freiheitlich demokratische Grundordnung anzweifelt oder  Deutschlands Engagement im Rahmen eines friedlichen und demokratischen Europas in Frage stellen würde.

Wen ich so getroffen habe:

Engagierte Bürger, die sich ernsthaft Sorgen machen und viele Stunden jeden Tag dafür arbeiten, das wir eine Alternative zur problematischen Politik der letzten Jahren anbieten können. Funktionäre, die ehrenamtlich neben ihrem Job und der Familie einen tollen Wahlkampf vorbereiten. Beamte, Arbeiter, Unternehmen, Studenten, Freiberufler, Arbeitssuchende, Senioren und Schüler, die stolz für ihre Stadt oder ihren Ort Großplakate finanzieren.

Aber auch Mitglieder, die ungeübt im Umgang mit der Presse gerne mal von Journalisten für eine gute Story auf’s Glatteis geführt werden, vielleicht auch manchmal dem freundlichen Reporter gegenüber eine Geschichte ausschmücken.

ela_cameraUnd so entsteht, gewollt oder ungewollt, ein Zerrbild der Wirklichkeit.

Wir sind alle ehrenamtliche Bürgerpolitiker, viele von uns unerfahren mit dem öffentlichen Interesse an unserer Partei. Viele von uns haben auch keine Erfahrung, wie Pressearbeit funktioniert und lassen sich, natürlich ungewollt, zu Aussagen hinreißen, die eigentlich so nicht gesagt werden sollten.  Ja – eigentlich sollten seriöse Journalisten diese Unerfahrenheit nicht ausnutzen und unsere Funktionäre nicht mit den gleichen Maßstäben messen, mit denen Politprofis beurteilt werdeń. Aber wir sind eine ernsthafte Herausforderung für die etablierte Politik und können keine Samthandschuhe erwarten. Journalisten sind in aller Regel anständige Leute, die ihren Job machen. Man kann es ihnen nicht zum Vorwurf machen, wenn sie berichten, was sie hören. Also müssen wir lernen, was wir wann wie und wem sagen.

Dazu ein paar Tips, die mir am Anfang gut geholfen haben:

  • Vergessen Sie alles, was Sie von Journalisten zu wissen glauben.
  • Fühlen Sie sich durch das Interview oder den Journalisten nicht geschmeichelt. Sie haben einen Job und sie vertreten nicht nur Ihre eigenen Interessen, sondern auch die ihrer Parteifreunde und Ihrer Partei;
  • Sie können nicht beurteilen, ob der Journalist nun Ihnen und der AfD sympathisch gegenübersteht, oder nicht. Nehmen Sie immer an, dass der Jounalist möglicherweise nicht ihr Freund ist.
  • Irgendwelche Witze oder Sprüche lockern die Situation nicht auf, sondern werden zur Schlagzeile.
  • Lassen Sie sich nicht auf Spontan-Interviews ein. Ein Journalist bittet am Telefon um ein Interview. Das ist prima. Aber nicht jetzt. Sie sind nicht Rainer Brüderle, der eben mal so ein paar Sprüche aus dem Ärmel schüttelt. Nehmen Sie sich eine Stunde Zeit um genau zu überlegen, was Sie sagen wollen.
  • Zeichnen Sie die Gespräche auf und erklären Sie auch dem Journalisten, dass sie das Gespräch aufzeichnen.
  • Bitten Sie den Journalisten mit Hinweis auf Ihre noch nicht so ausgeprägte Erfahrung, dass Sie das Interview oder den Bericht vor der Veröffentlichung sehen und “autorisieren” können;
  • Wenn Sie zu einem Interview in den Verlag oder an einen Ort gebeten werden, nehmen Sie einen Parteifreund mit. Dieser Begleiter soll allerdings nur als Beobachter an dem Gespräch teilnehmen und nicht selber irgendwelche Aussagen machen.
  • Reden Sie nicht von Dingen, bei denen Sie sich nicht auskennen. Spekulieren Sie nicht und beurteilen Sie niemals die Aussagen oder das Verhalten anderer Parteifreunde oder Funktionäre;
  • Lassen Sie sich nicht in Wortgefechte mit Profi-Politikern ein. Geschulte Dialektiker wissen genau, wie Sie zu ‘packen’ sind und werden sie so lange bearbeiten, bis Sie emotional werden und das Falsche sagen.

Fragen Sie im Zweifelsfall ihren Pressesprecher oder die Ansprechpartner der “Alternative für Deutschland”, ob sie einer Zeitung, einem Magazin, einem Radio- oder Fernsehsender ein Interview geben sollen.

Natürlich werden wir noch weitere Fehler machen. Wir sind eben keine glatten Politiprofis. Aber das ist der Preis einer Bürgerpartei. Wir werden lernen, wir werden uns verbessern und wir werden vor allen Dingen besser aufpassen.

One Thought on “Die Öffentlichkeit, die Presse, die AfD und wir ….

  1. Hallo Frau Merz,
    da ich weniger in die AfD-Strukturen eingebunden bin als Sie, kann ich zwangsläufiger noch weniger als Sie über die wichtigsten AfD-Funktionäre sagen.
    Eines jedoch schon: Spinner oder Rassisten habe ich nicht wahrgenommen. Im Zuge der Landesverbandsgründungen vielleicht den einen oder anderen Egomanen (allerdings sehr vereinzelt). Letzendlich sind diese nach meinem Eindruck bei den Wahlen jedoch gescheitert.
    Ihre Presse-Tips sind gut! Oftmals ist ein nicht gegebenes Interwiev besser als ein überhastetes.

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