Dieser Blogbeitrag ist eigentlich mehr ein Tagebuch, damit meine Familie und Freunde in Deutschland etwas besser verstehen, wie wir Tropenstürme sehen und wie “Harvey” unser Leben beeinflusst hat.

Es begann alles Mitte August. Ein Teil meiner täglichen Routine (im Sommer) besteht auch darin, auf die Entwicklungen der tropischen Wettersysteme zu achten. Eine sogenannte “tropische Welle” ein (in Afrika entstandenes) Tiefdruckgebiet war im Atlantik unterwegs und das National Hurricane Center prognostizierte einen südlichen Pfad. Südlich von Cuba über die karibische See ziehende Systeme enden oft im Golf von Mexiko während Wetterstörungen mit mehr nördlicher Komponente eher die US-Ostküste bedrohen (“Irma”).

Aber zu der Zeit war es eben nur eine tropische Störung mit sehr ungewisser Richtung.

Erst ein paar Tage später wurde aus der “Störung” in der karibischen See der Tropensturm “Harvey” mit Ziel auf die Yucatan-Halbinsel. Allerdings gab der Wetterdienst Entwarnung – “Harvey” würde sich aufgrund der vorherrschenden Wetterbedingungen dort schwächen und bei seinem Zug über Yucatan vollständig auflösen. Und so passierte es auch. “Harvey” wurde am 19 August zu einer tropischen Störung degradiert.

Und wir atmeten auf. Für ein paar Tage.

Aber schon am 23. August war “Harvey” wieder ein Sturm – mit Kurs in unsere Richtung. Innerhalb eines Tages war er auf die Stufe 3 geklettert und der Wetterdienst warnte uns, dass der Sturm das Potential auf die höchste Stufe hätte – mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 250 km/h.

Alarm. Alarm. All hands on deck !!!

Ein Hurrikan hat vier Bedrohungspotentiale:  Primäre Gefahren kommen durch den starken Wind und die Sturmflut, sekundäre Gefahren entstehen durch Regen und Tornados. Je näher man am Sturm ist, desto mehr werden die primären Gefahren ausschlaggebend. Die sekundären Gefahren sind besonders auf der “rechten” oder nassen Seite (11 Uhr bis 2 Uhr des Hurrikan-Kreises) bedrohlich. Nachdem der Kurs des Sturmes immer klarer wurde mussten wir feststellen, dass wir uns höchstwahrscheinlich auf der “nassen” Seite des Sturms wiederfinden würden. Evakuierung oder nicht? Das war jetzt die Frage. Noch war nicht klar, dass der Sturm tagelang um uns herumschwirren würde. Üblicherweise kommen und bewegen sich diese System rasch und in ein einem halben Tag ist alles vorbei.

Bei “Harvey” würde alles anders kommen.

Wir holten unser Boot “Abidos” aus dem Hafen und bedeckten unsere Fenster mit Spanplatten. Wir hatten ausreichend Benzin für den Generator, der Pool wurde zur Hälfte abgelassen und wir hatten genug Wasser und Nahrungsmittel für zwei Wochen. Wir sind rund 40km von der Küste entfernt und Harvey würde rund 250km von uns entfernt auf Land treffen. Wir sind bereits durch 4 oder 5 Systeme “geritten” und erwarteten auch diesmal nur geringe Probleme – Stromausfall, kein Internet, vielleicht ein paar gebrochene Äste. Kein Problem. Wir blieben im Haus.

In der Nacht zum 26 August plärrte unser Notfall-Radio fast die ganze Nacht. Überschwemmungswarnung, Tornado-Warnung. Was kann man machen? Wir schalteten das Radio aus und schliefen weiter. Am nächsten Morgen .. mittlerer Wind, heftiger Regen, zu unserer Überraschung aber kein Stromausfall. Aber die Katastrophe begann sich abzuzeichnen. “Harvey” würde nicht einfach weiterziehen, sondern stehenbleiben. Und unsere Gegend tagelang mit schwerem Regen übergießen.

Warum?

Ein tropischer Sturm dreht sich hier gegen den Uhrzeigersinn. Wenn also ein Sturm “links” von uns stehenbleibt, tragen seine Ausläufer das Wasser des “Golfs von Mexiko” bei uns (und nördlich von uns) an Land.

Und tatsächlich .. es schüttete ununterbrochen. Bei uns, aber noch viel schlimmer im Norden und “rechts” von uns, wo auch Houston liegt. Der zur Hälfte abgelassene Pool war schon nach einem Tag wieder voll. Die Zeit zwischen den Regenbändern nutzte ich für den Auslauf mit dem Hund, um den Pool wieder abzulassen und nach Schäden zu suchen.

Wir hatten noch Strom und Internet, allerdings war die Trinkwasserversorgung tot. Auch dafür hatten wir vorgesorgt. Eine Tauchpumpe pumpte jetzt (gefiltertes) Poolwasser in das Haus.

Dann die Panikmeldung: Der “Colorado River” vor unserem Haus würde auf 48 ft ansteigen.

Wenig später wurde nach oben korrigiert. 49ft. Dann 52ft. Eine unglaubliche Überschwemmungskatastrophe drohte. Noch in der Nacht zum 28. August um 22:30 Uhr erklärte der Bürgermeister, dass alle Bürger bis spätestens 13Uhr am nächsten Tag die Gegend verlassen müssten. Es würde weder Polizei, noch andere Notdienst geben, die Stadt würde weitgehend und bis zu 3 Meter überflutet.

Die Überflutungsbedrohung resultiert ganz einfach dadurch, dass das gesamte abgeregnete Wasser nördlich von uns ja irgendwie wieder zurückfließen muss. Ein großer Teil davon würde den “Colorado” überfluten.

Unser Haus hat eine Erhöhung von 56ft. Wir waren einigermaßen sicher, dass wir trockene Füße behalten würden. Aber der Fluss ist eben auch nur 100 Meter vor unserem Haus. Trotzdem – nach kurzer Rücksprache mit den Nachbarn entschieden wir: Wir bleiben.

Schlafen konnte ich in der Nach aber nicht. Die Gedanken rasten durch den Kopf. Was passiert wenn doch? Und um 3 Uhr – mitten in der Nacht – war ich dabei, die wichtigsten Sachen aus der Bodenhöhe auf Tische und Regale zu stapeln. Mittlerweile hatte “Harvey” den Rückwärtsgang eingelegt und war auf dem Weg zu uns. Ab dem frühen Morgen heulte und stürmte es, der Regen peitschte gegen das Haus und uns wurde echt Angst und Bange. Der Fluss war schon bedrohlich angeschwollen, eine braune Brühe strömte mit großer Kraft vor unserem Haus und trug Bäume, Bretter und andere Teile mit sich. Noch ein paar Abstimmungen mit den Nachbarn – dann die Entscheidung: Wir würden doch abhauen. “Harvey” war zu unberechenbar geworden.

In drei Stunden würden wir versuchen, uns nach Norden durchzuschlagen. Wir wussten bereits, dass viele Straßen gesperrt sein würden. Aber ein paar Schleichwege waren noch offen. Weiter ging es  mit der Sicherung unserer Wertsachen. Alles niedriger als 1 Meter (Lautsprecherboxen, Computer, Bücher, Schallplatten …. ) wurde hoch geräumt,  eine zusätzliche Datensicherung war bereits fertig, wir packten unsere zwei Autos (Jeep Cherokee und Chevrolet Suburban) mit Dokumentenkisten, Festplatten, Verpflegung, Klamotten, Wasser, Papagei und Hund . Gegen 12 Uhr waren wir im Konvoi mit unseren Nachbar unterwegs. Tschüss Haus. Hoffentlich sehen wir dich unbeschädigt wieder.

Wharton .. eine Stadt ca. 30km im Norden war nicht mehr erreichbar. Die Straßen waren bereits überflutet. Wir hielten uns in Richtung El Campo – 40km im Nord-Westen. Allerdings wussten wir, dass viele Leute aus unserer Gegend dorthin evakuiert hatten, an Hotelzimmer oder Benzin war da nicht zu denken. Also zielten wir auf Victoria, eine größere Stadt rund 100km entfernt, ebenfalls im Nord-Westen. Wer “Twister” gesehen hat kann sich vorstellen, wie wir in unseren Autos durchgeschüttelt wurden. Aber nach rund 3 Stunden Fahrt hatten wir “Harvey” Wind und Regen verlassen und erreichten Victoria bei leichtem Nieselregen.

Die Stadt wirkte wie nach einem Luftangriff. Und genau genommen war  das ja auch passiert. Zwei Tage hatte Victoria die Hurrikan Winde des Tropensturms über sich ergehen lassen müssen. Zwar gab es keine Regen- oder Flutschäden, aber jedes Haus war durch die starken Winde beschädigt. Kein Strom, kein Wasser, kein Benzin, alle Geschäfte geschlossen. Über all Metall- und Holzteile auf der Straße, kein Wunder dass sich irgendetwas in den Vorderreifen unseres “Jeep” bohrte. Wir hatten einen “Platten” . Schnell wurde der Reifen ausgetauscht und weiter ging es – grobe Richtung “San Antonio”.

Nach zwei weiteren Stunden Fahrt fanden wir die erste Tankstelle mit Benzin. Rasch auftanken und weiter. Dann das nächste Problem. Rudy (mein Mann) meldete über Walkie-Talkie ein heftig schlackerndes Steuerrad. Rechts ‘ran und kontrollieren. Das Ersatzrad hatte sich auch verabschiedet. Der Metallgürtel des “Gürtelreifens” war gebrochen und das Rad war kein rundes Rad mehr, eher ein Ei. Weiterfahren unmöglich. Allerdings “hoppelten” wir ein paar Kilometer weiter in den nächsten Ort. Unsere Konvoi-Partner zogen ohne uns weiter, wir waren ja jetzt halbwegs sicher. Zum Glück konnten wir “Triple A” (so eine Art ADAC) anrufen und unser Jeep wurde in eine Werkstatt geschleppt. Das war am Abend des 28. August – ein Montag. Natürlich war die Werkstatt schon geschlossen. Ich hatte die Nacht nicht geschlafen und war einfach fix und foxi. Die Abschleppcrew kontaktierte den Inhaber um das Auto auf den Hof stellen zu können, wir packten alles aus dem Jeep in unseren Chevy und machten uns auf den Weg in das noch 140km entfernte San Antonio.

Als wir schließlich in unserem “La Quinta” Hotelzimmer auf das Bett fielen, war es ca. 21 Uhr Abends. Wir hatten evakuiert und mussten nun aus der Ferne zuschauen, was passiert.

Am nächsten Tag und nach einem halbwegs vernünftigen Frühstück ging es uns besser. Der Fluss vor unserem Haus war noch lange nicht am Scheitelpunkt, und die Überwachungskamera an unserem Haus zeigte kein Wasser. Alles war noch gut. Am Nachmittag wurde die Flutprognose etwas zurückgenommen und unsere Nachbarn machten sich auf den Heimweg.Das war für uns keine Option – der Weg zu unserem Haus führt durch eine Senke, die bei rund 33ft Wasserstand überflutet ist. Der Fluss stand jetzt bei 36ft und würde noch auf 48ft steigen. Der Weg zu unserem Haus war abgeschnitten. Wir entschieden uns, das beste aus der Situation zu machen und unsere Evakuierung als “Urlaub” zu betrachten.

Wir absolvierten das normale Touristen-Programm – Alamo, Riverwalk. Zwischendurch organisierten wir im WalMart was wir noch brauchten. Unsere normale “Low-Carb” Lebensweise hatten wir ausgesetzt – und genossen “normales” Essen, einschließlich den üblichen “No No” Genüssen – Pommes, Waffeln, Pan Cakes.

Am Mittwoch-Abend trafen wir uns mit Kunden die in San Antonio leben. Sie verwöhnten uns mit einem bayerischen Abendessen und wir konnten für ein paar Stunden unser Haus, den Fluss und unsere Sorgen vergessen.

Die Situation hatte sich auch am Donnerstag nicht entspannt – nach wie vor war der Weg zu unserem Haus überflutet. Wir fuhren nach “New Braunfels” – einer sehr “deutschen Stadt” – dann weiter nach Luckenbach und Fredericksburg. Der Besuch des “National Museum of the Pacific War” war kostenlos (für Evakuierte) und wir hatten einen guten Tag. Bis wir lange Schlangen vor den Tankstellen entdeckten. Auf der ganzen Strecke .. von Fredericksburg bis zurück nach San Antonio waren die Tankstellen entweder von vielen Autos umlagert oder bereits leergepumpt. Es gab keinen Sprit mehr. Nirgends. Ursache war wohl ein “Social Media” Gerücht über Benzinknappheit welcher  zu Hamsterkäufen führte und dadurch einen tatsächlichen Mangel auslöste.  Ohne Sprit würden wir nicht nach Hause kommen können – also kurvten wir durch die Umgebung von San Antonio und suchten uns eine Tankstelle mit .. nicht so ganz langer Schlange. Alle Sorten bis auf das teure “Premium” Benzin waren alle, was soll’s, unser Auto kann auch mal Edel-Benzin tanken. Und so pumpten wir den Chevy voll. 22 Gallonen passten in den Tank – 83 Liter .. und kurz bevor die Zapfsäule  abschaltete, gurgelte der Zapfhan verdächtig. Wir waren in der Tat die letzten Benzinkunden an diesem Tag.

Glück gehabt.

Doch der Benzinmangel nagelte uns im Hotel fest. Wir konnten nicht mehr weit fahren – zu groß war die Gefahr nicht mehr heimkommen zu können. Glücklicherweise würde der Fluss am Sonntag auch wieder unseren Heimweg freigeben. Also beschlossen wir, Montag nach Hause zu fahren.

Aber wieder hatten wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Montag war Feiertag “Labor Day”. Wir hatten am Freitag in der Werkstatt angerufen und nachgefragt, ob wir unseren (inzwischen reparierten) Jeep trotzdem Montag abholen könnten. “Natürlich” sagte der Mechaniker. Doch als wir am Montag morgen erneut anriefen, war davon keine Rede mehr. Es sei schließlich Feiertag wurden wir belehrt. Also noch einen weiteren Tag im Hotel. Am Dienstag endlich die Rückreise. Es geht ab nach Hause.

Die Straßen waren alle frei – aber deutlich konnte man an den Verfärbungen sehen, wie weit alles überflutet war. Selbst tote Fische lagen auf der Straße. Viele Häuser hatten bereits ihr zerstörtes Hab und Gut am Straßenrand auf große Haufen geschichtet, wir passierten eine Sammelstelle wo 100m lang und 15m hoch nur Geröll, Möbel, Matratzen, Wand- und Dämmmaterial aufgeschichtet war.  Und der Geruch über allem .. furchtbar. Inzwischen hatten wir erfahren, dass unsere Nachbarn und Konvoi-Partner auch 1/2m Wasser im Haus hatten. Mit flauem Gefühl im Magen erreichten wir schließlich auch unser Haus.

Glücklicherweise hatten wir keine Überflutungsschäden, mit allen anderen Problem und Schäden würden wir fertig werden. Allerdings hat der Fluss rund 3m unseres Grundstücks erodiert, gefressen, weggespült. Alles in allem können wir aber sagen: Glück gehabt. Viele unserer Nachbarn haben alles verloren. Nicht nur das alle Möbel vernichtet sind, das Wände bis zu 1 1/2 Metern durchnässt und von Schimmel bezogen sind, diese Häuser werden auch für die nächsten Jahre massiv an Wert verlieren.

Wir haben rund eine Woche gebraucht, um allmählich wieder in den “Normalzustand” zurück zu finden. Wir haben schon einige Tropenstürme erlebt. Das ist ein Teil des Lebens an den südlichen Küsten der USA. “Harvey” war außergewöhnlich, brutal und unkalkulierbar. Die Folgen werden viele, viele Menschen noch auf Jahre hinaus spüren.

Video: Unsere Nachbarschaft am 2. September 2017

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